Presseartikel zur Entwicklung von Oxford Spacebase

The city magazine Der Gievenbecker aus Münster schreibt in der Ausgabe Nr. 36 einen umfassenden Bericht ab Seite 20 über die Entwicklung des Projekts und seine Verschiebung ins Jahr 2023.


Zurück in die Zukunft

Vielleicht liegt es ja an der defekten Uhr im Turm des markanten Bauwerks auf dem Oxford-Areal. Zumindest sind in seiner Nachbarschaft bei einer Mehrzahl der Projekte auf dem ehemaligen Kasernengelände erhebliche Zeitverschiebungen festzustellen. Jüngst wurde erst die Eröffnung der neuen Grundschule auf das Schuljahr 2025/26 geschoben, vom genossenschaftlichen Projekt des Grünen Weilers hat man seit längerem nichts mehr gehört, auch die Lukas-Kirchengemeinde kann den angestrebten Baubeginn nicht einhalten und nun hat es noch das Theaterprojekt OXFORD SPACEBASE erwischt.

Ein regelrechter Schock sei der Brief aus der Stadtverwaltung gewesen, schaut Regisseur Till Wyler von Ballmoos auf einen Freitag im Februar zurück. Denn statt letzter ausstehender Konkretisierungen für die Aufführungen im Juni 2022 habe das Amt für Immobilienmanagement die Ergebnisse eines Schadstoffgutachtens übermittelt. „Die Belastung der historischen Baustoffe sowie der Betonkonstruktion ist im Gebäude offensichtlich so hoch, dass eine umfangreiche Sanierung erforderlich ist“, berichtet Wyler von Ballmoos. Diese sei leider zeitlich und ausschreibetechnisch nicht in wenigen Wochen durchführbar, hieß es in dem Schreiben weiter. An eine Nutzung als Spielstätte sei in diesem Jahr also leider nicht zu denken. „Für mich hat selbstverständlich die Gesundheit und Sicherheit aller Beteiligten höchste Priorität, aber damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.“ 

Hoffnungsschimmer 

Immerhin war die schlechte Botschaft mit einem ziemlich großen Trostpflaster versehen: „Die Verwaltung hat uns ihre Unterstützung und den Juni 2023 als Spieltermin zugesichert. Das ist ganz sicher nicht selbstverständlich.“ 

Die Tage nach dem plötzlichen Stopp fühlten sich für die Verantwortlichen – neben dem Regisseur auch die Produzentinnen Viktoria Mletzko und Veronika Kalievskaya – wie eine rasante Achterbahnfahrt an. „Wir mussten mit allen Beteiligten sehr schnell viele Abklärungen durchführen und das Projekt komplett neu strukturieren.“ 

Kraftakt 

„Alle Kreativen waren zu benachrichtigen und umzubuchen“, skizziert Till Wyler von Ballmoos die Handlungsstränge. Auf jeden Fall glühten in den folgenden Stunden die Drähte bzw. Handy-Netze: Die PerformerInnen Stella Maria Adorf und Michael Taylor mussten in Berlin, Thomas Douglas in Zürich und Tobias Krüger in Bern erreicht werden; die Musiker Julien Mégroz und Gilles Grimaître von Hyperduo in Biel und der Sounddesigner Cyrill Lim in Bukarest; die DramaturgInnen Anina La Roche in Zürich und Lorenz Langenegger in Wien sowie die SzenografInnen Élisa Fache, Marc-Antoine Mathieu und Philippe Leduc vom Atelier Lucie Lom im französischen Angers. 

„Ganz wichtig war darüber hinaus zu verhandeln, ob die Fördergelder auch erst im Jahr 2023 ausgegeben werden dürfen. Denn ohne unsere Finanzierung hätten wir nicht weitermachen können“, so der Regisseur. Zu- dem musste geklärt werden, ob der Kooperationspartner Theater im Pumpenhaus eine Verschiebung in den Spielplan des kommenden Jahres integrieren kann. 

Neustart 

„Am Ende grenzt es fast an ein kleines Wunder, dass alle Akteure im kommenden Jahr mit dabei sind – und dies vor allem wollen.“ Vor diesem Hintergrund und mit ein wenig Abstand erkennen die KünstlerInnen in der Verschiebung sogar eine Menge Chancen. „Wir haben jetzt deutlich mehr Zeit für die Recherchen, die Grundlage unserer Aufführungen sind. Die PerformerInnen können sich viel stärker als üblich in die konkrete Entwicklung des Stückes einbringen und wir hoffen, dass 2023 die Einschränkungen durch Corona geringer sind als in diesem Sommer“, blickt Till Wyler von Ballmoos optimistisch nach vorn. Hinzu kommt, dass 2023 in Münster und Osnabrück das 375. Jubiläum des Westfälischen Friedens gefeiert wird. „Unsere Arbeit führt die Untrennbarkeit von Krieg und Frieden bis in die Jetztzeit. Wir bewerben uns, ins offizielle Programm aufgenommen zu werden.“ 

Ukraine-Krieg 

Auch der schreckliche Krieg in der Ukraine wird sicher Einfluss auf die weitere Entwicklung der Aufführung haben. „Die russische Militär-Invasion ist wie ein zusätzlicher Filter, durch den die Auseinandersetzung mit den Zeitschichten des Oxford-Areals belegt wird. Vieles, vor allem die Aspekte Zerstörung, Leid und Tod durch Krieg, schien in Europa der Vergangenheit anzugehören und ist mit einem Mal wieder ganz aktuell und real.“ 

Vor über 80 Jahren sei massive Gewalt gegen die Ukraine auch von Münster aus erfolgt. Denn die in der Domstadt gegründete und stationierte 16. Infanterie-Division der Wehrmacht war im Zweiten Weltkrieg maßgeblich am deutschen Überfall auf Russland sowie an der Besetzung der Ukraine beteiligt und hat dort gekämpft. „Aktuell werden aus der Ukraine geflohene Menschen in ehemaligen Wehrmachtskasernen untergebracht, darunter Gievenbeck“, unterstreicht Till Wyler von Ballmoos. Dieser Aspekt, nicht zuletzt die künftigen Entwicklungen des Ukraine-Krieges, werden in die Produktion einfließen. 

Kreative Arbeit 

Fazit: Die gewonnene Zeit wird unterdes kreativ genutzt. So trafen sich die SchauspielerInnen Anfang März im Probenzentrum am Hoppengarten, kurz zuvor war das Atelier Lucie Lom zu einem Arbeitsbesuch in Gievenbeck. Im Mai stehen in großer Runde zwei Wochen voller Proben und Ausarbeitungen auf dem Plan. 

„Wir haben unsere Recherche noch nicht beendet, sondern sogar ausgeweitet“, betont Wyler von Ballmoos. Die Suche in Archiven, Bibliotheken und im Internet hat schon eine große Zahl an aufschlussreichen Dokumenten und historischen Hintergrundinformationen erbracht. Gespräche mit ExpertInnen und ZeitzeugInnen schließen Wissenslücken, eröffnen neue Perspektiven und werden fortgesetzt. „Wir freuen uns über jeden Hinweis, auch wenn er vielleicht nur klein oder zu persönlich erscheint“, lädt der Regisseur alle Interessierten zur Beteiligung ein. 

Über die E-Mail-Adresse recherche@oxfordspace.org oder eine Postkarte, die an einigen Stellen im Stadtteil ausliegt, kann kostenfrei Kontakt aufgenommen werden.„Wir werden sicher auch in der Zukunft noch einige Umwege nehmen. Die produktive Auseinandersetzung mit der Geschichte des geplanten urbanen Quartiers wird so manche Überraschung offenbaren.“ Es bleibt also spannend bis zum Juni 2023, wenn es dann endlich heißt: Vorhang auf für OXFORD SPACEBASE. 

Veit Christoph Baecker